I said Party in Dresden!

21. November 2010


Komm, ich helfe dir, dich des in deiner Brust steckenden Messers zu entledigen. Zum gegebenen Zeitpunkt war mein Hieb angebracht. Nun aber bin ich erfüllt von der Botschaft des samstäglichen Abends und die war LoveLoveLove! Und ich darf behaupten Teil einer ganz besonderen Live-Situation gewesen zu sein.

Eines haben “You Say Party” und Dresden gemeinsam: Beide verlangen einige Zeit, um Botschaft über Gefühl zu stellen. Bei beiden ist mir dies auch bisher nicht geglückt. Vortrefflich! So bleibt mir Elbflorenz auch weiterhin genauso traumhaft, fremd und schön, wie die Band, die vor wenigen Stunden den letzten Ton im Club “Beatpol” im Norden dieser Stadt spielte. Dank meiner ungarischen Seite, die von meiner Budapester Mutter stammt, habe ich einen starken Hang zu Gefühl und Leidenschaft, denen sich mein aufgeklärter deutscher Geist doch immer wieder zu entledigen sucht. Heute Abend ist ihm dies aber keineswegs geglückt. Darum sehe ich mich in der Lage, ganz beseelt von meinen Erlebnissen zu berichten.

Was war denn nun das Besondere dieses Abends? Diese Frage muss ich ganz klar mit dem kroatischen! Namen Becky Ninkovic beantworten. Ihre Bühnenpräsenz, ihre Stimme und ihre Bandkollegen, ohne die sie laut eigener Bekundung niemals das wäre, was sie als Sängerin ist. Wie ich meine: eine beeindruckende zarte Erscheinung, die traurige, elegische Melodien hervorzaubert, um doch nur vom Schönsten des Lebens zu singen, der Liebe. Dieses Dreigestirn war umwerfend! Besonders in dem an “The Robocop Kraus” erinnernden Moment, als Becky durch das Publikum ging und mit den Gästen gemeinsam sang. Nah und doch Fern! Lebt sie doch ihre Songs, schauspielt sie gar. Unpeinlichen Ausdruckstanz nenne ich das!

Es gab verhältnismäßig viel älteres Material zu hören unter Anderem ”Monster” und auch das quirlige “The Gap”. Doch auch 4 neue Songs, die meiner Ansicht nach den alten und neuen Stil kongenial vereinen. Hier wäre ein kurzes Statement zum Musikstil angebracht. Der tanzlastige Neo-Wave vergangener Tage wird nicht abgelegt, sondern selbstverständlich zelebriert. Klar, ist er doch Zugpferd einer Band, die sich dem Rhythmus des Dancefloors verschrieb. Dementsprechend rockte das Publikum auch wie sau! “The best show and the best venue yet on our whole tour” fasste es der Keyboarder nach der Show mir gegenüber zusammen. Und doch, dieses beharrliche Moll in den Songs zwischen den Dancehits.

Da kommen wir zurück zu der Frage des Gefühls, das für mich und Mademoiselle Blume existenziell wichtig für das subjektive Verständnis von Musik ist. Das hat ganz viel mit Hörgewohnheiten zu tun und mit der mehr oder weniger ausgeprägten Liebe zu Harmonien oder Dissonanzen. Und das ist der Knackpunkt. “You Say Party” haben den Bogen mit dem letzten Album XXXX vollzogen. Von schrägem neo-dance-wave zu episch-traurigen, molllastigen Songs denen kaum noch etwas von der Ursprünglichkeit anhaftet. Hier emanzipiert sich die Band voll und ganz. Und hier kommen meine Hörgewohnheiten ins Spiel. Ich komme nicht klar auf die Band, auf ihre Ambivalenz auf ihren Sexappeal ihre zeitgleiche Ferne und Nähe. Ich kann sie nicht greifen und das fasziniert mich so sehr. Eigentlich sind mir die alten Songs zu drastisch, die neuen zu “Moll” und vorherrschend sind Themenwiederholungen innerhalb der Songs. Dass dies aber nicht alles sein kann, zeigt mir die Tatsache, dass ich die Songs, die Band und die Performance der Sängerin abgöttisch liebe! Diese Songs berühren mich in ihrer monotonen Vielfältigkeit nicht weil sie sind, was sie sind, sondern weil sie es schaffen, mich von meinem eigenen musikalischen Horizont durch Leidenschaft abzuholen.

Momente, wie dieser tun da nur ihr übriges: Die fünf Bandmitglieder aus Vancouver (der neue Drummer machte seinen Job mehr als gut und auch der neue Keyboarder, mit dem ich mich kurz unterhielt, schien 1A in die Band zu passen), sie alle haben während der Konzertmitte ihre Instrumente verstummen lassen und das Licht gelöscht. Ein Streichholz erhellte den Raum kurz und Becky sagte “Devon Clifford, we miss you!” Wow! Näher kann man der Band kaum sein.


Oh, oh, uhuuu, uh uh uh. Wisst ihr noch wie das war, als keine Melodie cheasy genug sein konnte, um dieses unstillbare Verlangen nach Indie zu stillen? Damals waren meine Shirts XL, die grüngefärbten langen Haare hinter die Ohren geklemmt und ich dachte mir: So’n Undercut lässt man sich besser nicht vom besten Freund machen, dafür gehste nach zwei Jahren mal wieder zum Friseur. Ich hatte blaue Springerstiefel, die immer offen getragen wurden und war schrecklich lässig, kein Wunder bei dem, was man damals weggekiffte.. Im Walkman stritten Dinosaur Jr, Sonic Youth und die Smashing Pumpkins gegen die Boxhamsters um Oberhoheit. Damals, Mitte der 90er.. Warum dieser kleine Retro-Exkurs? Ich höre gerade die neue Superchunk, die locker schon 4 Wochen in den Regalen liegt. Und da ploppen die Erinnerungen nur so auf, dass ich mich frag, ist das wirklich so lange, 15 Jahre, ein erbärmliches Teenagerleben, her? Natürlich waren wir viel cooler damals als die ubgefuckten neunmalklugen Diginatives heute! Ja so heißen die nervigen Scheißer heutzutage! Wir waren vielleicht die letzten, die unsere Umwelt noch analog erkundeten, in Recordstores rumhingen und die Bands nach den Konzerten anquatschten. Alles das scheint’s heute nicht mehr zu geben. Aber dafür Superchunk und ihre neue Platte, diese kleine verdammte Zeitmaschine namens „Majesty Shredding“..

SUPERCHUNK – LEARNED TO SURF

Nerd – Why?

18. Oktober 2010


Die Sache mit den Interviews ist nicht einfach! Davon kann die Bettina Blume einen Roman schreiben. Wie schnell hat man ein Fettnäpfchen getroffen, obwohl man nur eine schmissige Antwort auf eine gewagte Frage wollte, eine die den Delinquenten vielleicht etwas aus seiner gelangweilten Attitüde emporlocken sollte. Bei Why? muss man da aufpassen, nicht verballhornt zu werden, wie folgende Interviewsitution beweist:

Your lyrical persona has been compared to Woody Allen and Larry David. How do you feel about that?
“I always say I’m more of a Brad Pitt or Tom Cruise than a Woody Allen or Larry David. I mean, come on, just ’cause I’m Jewish? That’s racist! No, no, I know, I wear spectacles, I’m kind of a nerd. I admit it. What do you want me to say?”

Tja Betty, da kommt was auf dich zu, hm? Der Yoni Wolf, der in seiner Band auch gern mal den MC gibt und flott einen wegrappt, hat einiges in petto. Also ich als Hörer deiner durchgestylten Interrogationen freue mich natürlich riesig auf das Interview. Sei mir aber nicht böse, wenn ich Dir sage, dass es für uns Leser/Hörer nicht die größte Katastrophe sein dürfte, wenn er Dich gehörig an der Nase herumführt.


Tori Amos sagte einst, sie liebe das Klavier als Instrument, weil es feminin ist. Es ließe sich sogar streicheln, sodass ihm – kaum hörbar – die Töne entstiegen. Die phallische Gitarre hingegen mache Frauen sehr männlich und laut! Da ist was dran.
Eine ganze Reihe Powerfrauen zeigen der Tori jedoch, dass das Phallische auch einer Frau zu höchsten Würden verhelfen kann. Da fallen mir zunächst Tegan & Sara ein. Aber auch die Breeders, Courtney Love & Melissa Auf Der Maur von Hole und An Horse. Doch was zum Teufel macht Marnie da mit der Gitarre? Auf die krasse Marnie stieß ich durch meinen routinemäßigen plattentest.de-check. Mir fiel die Kinnlade runter, als ich “For Ash” von ihrem neuen Album hörte. (VÖ: 15.10.2010) Ich fange gar nicht erst an, nach Vergleichen zu suchen. Nur so viel: Die Dame is als Kind vermutlich auf Iron Maiden Konzerten Dauergast gewesen und in einen Kessel voll Zaubertrank gefallen. Für mich hört sich das an, wie Metal ohne 1000WAtt-Verstärker und ohne Männer. Naiv, kreativ und virtuos! Ich bitte darum, sich selbst eine Meinung zu verschaffen:

MARNIE STERN–FOR ASH

80’s! Seit Mitte dieses Jahrzehnts verfolgte ich einen Trend. Zunächst beschmunzelt, dann angewidert, heute begeistert. Als Opfer der 80er hatte ich kein Verständnis für die Inflation optischer und musikalischer Neon- bzw. Synthistyles.

What The Fuck! Wozu? Haben die betreffenden Bands jahrelang kein Radio gehört? Die stumpfe Geschichtsvergessenheit der mir nachfolgenden jüngsten Generation! “Die besten Hits der 70er, der 80er und von heute” Klingelt da was? Deutsches Radio – Drecksradio! Ich glaub keiner hat sein armes Radio für akustische Beleidigungen so oft angebrüllt, wie ich es tat. Das war in den 90er Jahren – bevor ich den glauben ans Radio als Musikstylemultiplikator verlor. Ich bin also ein gebranntes Kind! Und nun kam dies:

AMOS, IMPERATOR OF POP–I CAN’T STOP MY FEET

Der Mann zog meine Aufmerksamkeit auf etwas, das ich bald als Mainstream zu entlarven glaubte. Aber irgendwie war er genial! War ich Teil der “hypenden Masse” geworden? Ich hassliebte The Faint mit ihrem Glass Danse.

THE FAINT–GLASS DANSE live

Und dann dieses furchtbar abgefreakte Duett aus Kanada, kennengelernt durch die letzte Bastion des Rebellenjournalismus:

CHROMEO–NEEDY GIRL

Ihr neues Album “business casual” ist übrigens seit einem Monat in den Stores. Was also hörte ich mir da an? War ich selber geworden, was ich hasste? Offensichtlich alles nur Spaß. Mach dich locker! Aber es gibt doch so viel Schrott da draußen, Bands, die einfach die 80er-Masche als Surfbrett für Popularität nutzten! So wenige Perlen. Wie Phoenix. Waren die übrigens nicht schon immer etwas 80’s? Niemand bestreitet ihre Perfektion und Meisterschaft! Also ist es wahr: es gibt Musik, die dank ihrer begabten Künstler das Beste aller Styles vereint und trotz 80er-Dünkel befreiend gut ist! Und in den Startlöchern die nächsten Superstars:

JAMAICA-I THINK I LIKE U2

FUCK THE 80s. Wir bauen uns unsere eigene Zeit! Aus Talent, Musik, Adrenalin und Style wird etwas Neues! Mittlerweile gibt es unzählige kommerzfreie Radiosender, unzählige gute Bands und mit ihrer Hilfe träume ich mir meine eigene Welt. Hin und wieder darf es sogar mainstreamig klingen:

MARK RONSON AND THE BUSINESS INTL–BANG BANG BANG

Ist doch besser als die omnipräsenten wanna-be-fashionistas Black Eyed Peas oder?

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