Nun mal Tacheles, Schätzchen!

25. Februar 2010


Nach all der Vorbereitung und all der Spannung, die sich im Vorfeld aufgebaut hatte, musste ich irgendwann zum vereinbarten Zeitpunkt nur noch zum Gespräch gehen. Mit meinem Aufnahmegerät in der einen und meinen fünf Fragen in der anderen Hand stiefelte ich also los. Vor lauter Aufregung hätt ich mir fast ins Hemd gemacht, aber da üblicherweise vor Interviews noch Unmengen an Zeit ins Land ziehen, ließ ich mir vom Roadie den Weg zur Toilette weisen (ehrlich gesagt auch, um meinen Look zu checken, denn schließlich traf ich nicht irgendwen, sondern Sven Regener). Erfrischt und frei wartete ich allerdings einige Augenblicke, so dass wir gefühlte 30 und reale 5 Minuten nach der vereinbarten Zeit beginnen konnten.

Wow, das lief ja gut! Die Antworten waren gar nicht so knapp, nein sogar ausführlich und passten prima in einen Radiobeitrag. Allerdings waren mir die Worte und Wortkombinationen, die ich hörte nicht neu. Die hatte ich schon mal gehört. Wo genau wußte ich nicht mehr, aber ich erinnerte mich an die Worte aus einem Videoportrait, das auf arte lief. Darin meinte er nämlich, dass er im Kopf Interviewfragen probt und dort auch genau die passenden Antworten überlegt (dazu im Video auf  07 min 05 sec vorspielen)

Is also nur logisch, dass ich auf meine Fragen die Antworten wunderbar angerichtet und auf einem Silbertablett präsentiert bekomm. Auch wenn das auf den ersten Blick, den ersten Klick oder den ersten Ton unspontan und berechnet wirkt, so sind es doch dann Theorien und Überlegungen, die eigentlich in Büchern stehen sollten.

Hm, ich hatte eine eher unangenehme Frage gestellt. Ich hatte mich getraut die Musik anzukreiden. Die Musik in Frage zu stellen, die ich doch selbst mochte. Das war mir unangenehm. Aber meine Emotionen müssten warten. Ich saß nicht an diesem Tisch, um gleich wieder hinter der nächsten ecke zu verschwinden. Ich war dort, um meine Fragen zu stellen, zuzuhören und erst draußen vor der Tür zu realisieren, mit wem ich gesprochen und was ich gesagt hatte. Also weiter im Text…

Auweia! Hatte ich das wirklich gefragt? War ich denn von allen guten Geistern verlassen? An dieser Stelle hätte ich mich fast selbst hinaus geworfen. Oder war das am Ende doch irgendwie gut?

Puh, das war ja doch nicht so schlimm, wie zunächst gedacht. Also weiter im Text, der schon gar nicht mehr auf meinem Zettel steht, sondern einfach von meinem Hirn in den Mund wandert. Mensch, in diese Richtung wollt ich eigentlich gar nicht gehen. Hatte mein Hirn sich verlaufen? – Interessant ist es aber trotzdem wie ein Musiker seine Entwicklung betrachtet.

Nach der kleinen Aufregung über die Themen der Rock und der Popmusik passierte es plötzlich…

WAS? Ich und nicht verstehen? Ich hatte doch die ganze Zeit nur brav Fragen gestellt und mein Interesse an Musik bekundet. Wo war der Sand im Getriebe? Warum lief die Maschine nicht mehr richtig? Was hatte ich falsch gemacht? Hatte ich überhaupt etwas falsch gemacht oder fehlinterpretiert? Vielleicht war das Thema Musik im Studio einspielen nicht unbedingt das geeigneteste – schließlich hatte ich keinen blassen Schimmer davon. Also ließ ich mir das am besten mal erklären.

Ok, Frau Freud, da hast Du Dich also viel zu weit aus dem Fenster gelehnt und mit dem Sven Regener so gequatscht, wie Du es mit jedem anderen Menschen auch getan hättest. Für das Leben ist das natürlich gut, für ein Interview dann eher doch Gift. Schon von Anfang an besfindet man sich in einer künstlichen Situation, so dass man einfach kein ungezwungenes und „normales“ Gespräch führen kann. Scheint, als hätte ich einen Anfängerfehler begangen und das nach zig Jahren Erfahrung. Dann doch schnell wieder auf den Zettel schauen und eine Frage zum literarischen Schaffen von Sven Regener stellen. Ganz nonchalant ging ich hinüber zur nächsten Frage auf meinem Zettel, denn wir sprachen schon länger als 25 Minuten und viel bliebt bis 30 Minuten nicht mehr übrig.

Obwohl ich schon alle anderen vier Fragen meines Zettels gestellt hatte, bleib noch eine übrig, die zufälligerweise auch noch ganz gut zum Thema Kunst passte.

Ding Ding Ding. Der Wecker blinkte, die Zeit war um. Allerdings realisierte ich erst im Nachhinein, was ich gefragt, was Sven Regener gesagt hatte und wie ich das Ganze in einen Beitrag packen könnte. Mein erster Gedanke an der frischen Luft war: Scheiß, ich habs verbockt. Ich werd nie wieder die Gelegenheit haben mich zu rehabilitieren. Die Situation auf Null zurückzudrehen. Erst später im Studio stellte ich fest, was mein Gesprächspartner bereits vor Ort nach dem Interview sagte.

Advertisements

Eine Antwort to “Nun mal Tacheles, Schätzchen!”

  1. BettinaBlume said

    Auch wenn der Sven Regener merkwürdig antwortete, so muss man doch sagen, dass er Künstler ist und großartiges vollbringt. Wenn man den Herren nicht direkt vor sich sitzen hat, könnte man meinen, dass er schnoderig klingt und teilweise vielleicht arrogant wirkt. Ist er aber nicht, im Gegenteil. Ein toller Mensch, der ganz viel nachdenkt, das Hirn immer in Bewegung hält und keine alltäglichen Ansichten vom Leben hat. Ja und deswegen steht er auf Bühnen, schreibt Liedtexte und Bücher. Er ist halt ein ganz besonderer Mensch.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: