Bevor die Elemente kriminell wurden

24. Februar 2010


Im Januar hatte ich die Gelegenheit Sven Regener vis-à-vis zu treffen. Ihm wirklich zu begegnen. Ich sollte vielleicht dazu sagen, dass die Band von Sven Regener – Element of Crime – Wahnsinnstexte in ihren Songs hat. Texte, die berühren und tiefe Spuren hinterlassen, die nachdenklich machen und fast greifbare Bilder im Raum stehen lassen. Welche Fragen sollte man jemanden fragen, von dem man tief beeindruckt ist und für seinen Umgang mit Sprache verehrt? – Das war mein großes Problem!

Ich recherchiere auf die altbekannte Weise, also lesen lesen lesen. Das einzige, was daran fortschrittlich ist, ist die Tatsache, dass ich im Internet lese.  Der Herr Regner hat ja auch viel ins Netz gestellt … vielleicht ein bisschen zu viel, denn ich hatte das Gefühl, dass irgendwie keine Fragen offen blieben. Plötzlich ist er für mich wie ein offenes Buch auf dem irgendwie doch ein Schleier liegt, denn von seinem Privatleben erfährt man nicht wirklich etwas. Aber das wollte ich ja auch nicht. Im Mittelpunkt steht sein literarisches Schaffen und seine Musik.

Mir fielen nur einige Fragen ein à la: „Ständig sagst du, Element of Crime seien Rock’n’Roll. Sorry, aber wenn ich an Rock’n’Roll denke, denk ich nicht an eure Musik. Wo ist also der Rock’n’Roll?“ – Ich dachte, Sven Regeners Antwort wäre dann in etwa: “ Der wahre Rock steckt in den Texten…“- Darauf würde ich dann erwidern: „Aber ist Rock’n’Roll nicht so ein all umfassendes Lebensgefühl, dass sich auch überall wieder finden sollte?“… Tja und spätestens dann war er in meiner Vorstellung vom Gespräch total angepisst. Das wollte ich auf jeden Fall vermeiden. Ich bekam die nötige Distanz nicht wirklich hin, weil in meinem Hinterkopf der Wunsch hin- und herhuschte, mit ihm befreundet sein zu wollen. Es gehört zu einem guten Interview durchaus dazu den Gesprächspartner ein wenig aus der Reserve zu locken, aber dabei nicht respektlos zu werden.

Bis zu dieser Stelle wäre es vielleicht gut gelaufen, aber weiter wußte ich nicht. Außerdem fehlte auch noch so ein schöner Anfang, der die Aufregung und Anspannung ein Stück beiseite schob. Über die neue Platte wollte ich auf keinen Fall reden, weil die doch schon seit September 2010 auf dem Markt ist – praktisch fünf Monate alt war und das bedeutet auf dem Plattenmarkt, dass sie schon zum alten Eisen gehörte (dachte ich).

Hm, der Icebreaker fehlte jedoch immer noch. Ich hatte keinen Einstieg in die Situation. Was sollte ich machen? In einem Blog hatte der sven regner mit irgendwem Skat gespielt. Welch schöne Vorstellung das doch wäre, mit Sven Regener Skat spielen … Wer konnte das schon von sich behaupten? Wer kann überhaupt noch Skat spielen? Ich gehöre zu den glücklichen Menschen, weil diese Kartenspiel die Beweglichkeit des Geistes voraussetzt und alles andere als einfach ist – Skat spielen wäre außerdem viel viel besser als über Fußball zu sprechen. Ich wußte zwar, dass Sven Regener Fan von Werder Bremen ist, aber mehr als, dass Thorsten Frings dort spielt, wußte ich auch nicht. Außerdem gefiel mi die Vorstellung, statt zu sprechen mir dem Autor von Herr Lehmann Karten zu spielen, trotz des Ziels am Ende einen Radiobeitrag zu gestalten – nur scheiterte diese tolle Skat-Idee an den fehlenden Karten.

Es ist echt blöd, wenn man eine Band schon etwa ein Jahrzehnt hört und mag und dann urplötzlich mit denen reden kann/soll. Das Gespräch absagen, wäre für mich niemals in Frage gekommen, schließlich weiss ich nicht, wann man das nächste mal die Gelegenheit dazu hat. Aber ist halt auch komisch, so ne Herzensmusik wie die von Element of Crime ist nicht einfach nur so ein Geplänkel. Sie ist für mich ein Stück Berlin. Die Musik beschreibt ein großes Stück dieser riesen Stadt. Aber das kann man nicht so richtig mit Fragen ergründen, sondern nur spüren und ins Herz einschließen. Aber so ne Honig-ums-Maul-schmierende Aussage bringen, wie: „Eure Musik ist für mich wie ein spätsommerlicher früher Abend in einem Café im Prenzlauer Berg, die Sonne scheint noch, aber gleich geht sie unter und ein Tag ist dann vorbei… “ –  Das fand ich nicht sehr professionell, oder doch? – So schwierig war ein Interview selten.

Aber ich fand schließlich doch fünf Fragen, die mich einerseits interessierten und andererseits nicht ganz zu detailiert wären. Fragen, die provokativ waren und nicht respektlos erschienen. Ein Kartenspiel fand ich schließlich auch, um genauer zu sein fand ich mein „Lebensechtes Karten-Orakel“, dass Antworten auf alle Fragen gibt, wenn man die Fragen in der Kombination von „Was soll ich tun wenn … passiert“ aufbaut. Ja, und das orakel antwortet dann mit einer karte auf der z.B. steht:“Nicht das Handtuch werfen“ oder „Gut abscheiden“.  Ich war sicher, ich hätte den perfekten Icebreaker gefunden, obwohl mir das Spiel auf die Frage: „Was soll ich tun, wenn ich morgen im Interview unsicher werde und mir keine Fragen mehr einfallen?“ antwortete „Abgeben“. Hm, „abgeben“? – Ich fasste es nicht! Aber zum Glück stand da nicht „aufgeben“. Oh, ja, das war die richtige Strategie. Nicht „Aufgeben“, sondern „Abgeben“ und den Herren aus dem Norden einfach mal reden lassen.

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2 Antworten to “Bevor die Elemente kriminell wurden”

  1. Stadtradio said

    Na da warst Du aber ganz schön aufgeregt was?
    Ich musste allerdings auch erst mal weiter lesen, um zu wissen wer Sven Regener ist. Sag mal hat er Dir da zu Beginn des Gespräches abgesprochen, das Du Musikwissen hast und dich nur auf dem „Mainstreamparket“ auskennst? Element of Crime machen für mein Verständnis auch keine Rockmusik. Ich hätte es aber vielleicht mit einer Filmmetapher erklärt: Es gibt Filme über die man lachen kann, das sind dann Komödien. Es gibt Filme bei denen man weinen kann, das sind dann Dramen. Es gibt aber auch Filme, die in keine Kategorie passen. Es sind einfach nur Filme.
    Beim Anhören der Ausschnitte hatte ich immer irgendwie das Gefühl, dass er Dir auf sehr unsympathische Weise immer widersprechen musste. (Der sechste Ausschnitt funktionierte nicht – File not found.)
    Sicherlich ist es schwierig ein Interview mit jemanden zu führen, den man als Künstler und Musiker sehr mag. Unvoreingenommenheit ist etwas anderes. Es fällt dann schwer dieses Selbstbewusstsein aufzubauen, dass man bei solchen – na ja sagen wir mal berühmten Leuten – braucht. Ich glaube, dass es immer einfacher ist, ein Interview mit jemanden zu führen den man nur sehr wenig kennt, dann steht dieses Gefühl „befreundet sein wollen“ dem Gespräch nicht im Weg. Trotzdem bin ich natürlich Stolz auf Dich, auch wenn ich das Gefühl hatte, dass er dir „die Butter geklaut“ hat. Ist das ein schwieriger Typ, der Sven?

  2. bettinablume said

    Oh, da muss ich Dir aber widersprechen. Ich wollte gar nicht mit ihm befreundet sein. Das einzige, was mir im Weg stand war das Gefühlt, dass er schon oft mein Hirn zum Bewegen gebracht hat und mir teilweise neue Denkansätze ins Hirn pflanzte. Hm, das wollt ich irgendwie auch dann wieder. Komisch wars trotzdem ihm gegenüber zu sitzen. Schwierig ist er eigentlich nicht. Schwierig waren höchstens meine Nachfragen … Aber nun gut, das Gespräch war eigentlich gut. Er hat mir nicht wirklich die Butter vom Brot geklaut, denn schließlich hab ich den Beitrag später bearbeitet. Was dabei herausgekommen ist, liest Du im Eintrag vom 1. März

    Übrigens funzt die Datei, die vorher nicht gefunden wurde, jetzt wieder.

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